
120 Jahre (1870-1990) befand sich das Bürgerhaus in der Obernstraße 51 im Besitz der Bäckerfamilie Müller. Es wurde 1991 verkauft und von den Besitzern der Kaufphase (TERRA-Immobilien/Herr Neugebauer und Leni Schröder) in 3 Jahren liebevoll restauriert. Voraussetzung dieser umfangreichen Umbaumaßnahmen war eine enge Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und dem Landeskonservator.
Welche Überraschung man erleben kann, wenn ein historisches Haus umgebaut wird, zeigten die darauffolgenden Arbeiten. Waren doch alle Beteiligten überzeugt, dass dieses Haus mit seiner schönen Renaissance-Fassade entsprechend der straßenseitigen Inschrift 1592 erbaut wurde. Um so größer war das Erstaunen, als durch die eingeleiteten Umbaumaßnahmen (1991-1994), Bauteile freigelegt wurden, die eine sehr viel frühere Entstehung in der Zeit der Gotik erkennen ließen. Es ist der Verdienst des Weserrenaissance-Museum Schloss Brake, die das genaue Alter und alle einzelnen Bauphasen und Raumstrukturen durch die Jahrhunderte ermittelten. Die angewandte Technik zur Bestimmung des Alters heißt Dendro-Chronologie. Sie basiert auf dem Umstand, dass innerhalb einer Region alle Bäume entsprechend der warmen oder kalten Monate während der Wachstumsperiode die gleiche Abfolge von schmalen und breiten Jahresringen ausbilden.
Durch Vergleiche mit Bauhölzern unterschiedlichen Alters lässt sich so wie in einem 1000-jährigen Kalender genau ermitteln, in welchem Jahr die Bäume für eine vorgefundene Konstruktion gefällt wurden. Danach wurde das Haus, so wie es heute steht, bereits im Jahre 1486 auf den Grundmauern eines Vorgängerbaus errichtet. Es ist also rund 100 Jahre älter als vermutet und somit der älteste Profananbau (d.h. nicht-kirchlicher Bau) Bielefelds und daher von unschätzbarem Wert als historisches Dokument für den Baustil, die Bautechnik und die Lebensweise des selbstbewussten Bielefelder Bürgers vor 500 Jahren.
Was man an diesem Haus als erstes erkennen kann, ist das fehlen eines großen Einfahrtstores, wie es vergleichbare Häuser in den Nachbarstädten aufweisen. Alte Abbildungen belegen, dass die Bürgerhäuser innerhalb der Stadtmauern dieses gleiche Merkmal aufweisen. Das kommt nicht von ungefähr, es erklärt sich aus dem Umstand, dass Bielefeld eine Kaufmannstadt und keine Ackerbürgerstadt war. Die Kaufleute waren wohlhabend und hatten zwar ihre Gärten vor den Stadtmauern, aber die Landwirtschaft überliessen sie den Bewohnern des Umlandes.
Niemand weiß genau wie wechselhaft die Nutzungsgeschichte
dieses Hauses ist. Belegt ist in den Unterlagen des Stadtarchives lediglich,
dass hier seit 1670 ein Kornhändler wohnte, der zugleich auch Ratsherr war.
Um 1800 dann ein Glaser. Bruchstücke aus der Glasmanufaktur legen die Vermutung
nahe, dass in diesem Haus zumindest zeitweise nicht nur Handel, sondern auch
Produktion betrieben wurde.
Die hölzerne Verbindungsbrücke zwischen dem Haupthaus
und dem Hintergebäude an der Welle führen zu der Annahme, dass hier auch
eine Seilerei betrieben wurde. Nur so lässt sich die fast 30 Meter lange
Bahn durch zwei Gebäude erklären.
Seit dem vorigen Jahrhundert ist im Vordergebäude eine Bäckerei nachgewiesen. Der halbgeschossig eingesenkte Keller unter dem Festsaal wurde zur Backstube und mit einem heute noch erhaltenen Backofen ausgestattet. In dieser Backstube experimentierte der ApothekerDr. Oetker von 1891-1898 bis er die richtige Zusammenstellung und Dosierung des Backpulvers gefunden hatte. So findet sich hier also der Ursprung einer großartigen industriellen Entwicklung zu einem Weltunternehmen. Der mit Dr. Oetker befreundete Bäcker Müller lagerte seine Mehlsäcke auf dem Dachboden, der seit Anbeginn als Warenlager gedient hatte. Die letzte Eigentümerin Frau Gudrun Müller wusste zu berichten, dass es diesem Umstand zu verdanken war, dass das ehrwürdige Haus den letzten Krieg überlebte. Die Bomben, die das Dach durchschlugen, verpufften in dem Mehl. Dabei flogen zwar die Dachziegel durch die Luft, aber das Gebäude blieb stehen und erlitt nicht das gleiche Schicksal wie viele andere historische Häuser der Altstadt.
Um- und Ausbau in einem denkmalgeschützten Haus dieser Art, wurden vom Ministerium für Wohnungsbau NRW lobend herausgestellt. Von 1990 bis 1995 war Florian Mausbach Beigeordneter für das Planungs- und Bauwesen der Stadt Bielefeld und initiierte das Räumliche Stadtentwicklungskonzept, den Gesamtverkehrsentwicklungsplan und die City-Erweiterung. Er hatte großen Anteil an der Restaurierung des Bürgerhauses in der Obernstraße 51. Die heutige Nutzung des Hauses entspricht der Lage in einer der Haupteinkaufsstraßen der Bielefelder Altstadt. Es befinden sich in dem Haus mit Anbau 4 Geschäfte (einschließlich Weinstube) und 7 Wohnungen (z.T. App.). Jung und Alt sind somit unter einem Dach vereint.
Quelle: Schmidt, stellv. Bauamtsleiter, Bauamt 1993



